Brummende Motoren
Wirtschaftsbeziehungen mit Tradition
Die indisch-bayerischen Wirtschaftsbeziehungen haben eine jahrhundertealte Tradition. 1505 segelten erstmals drei Schiffe im Auftrag Jakob Fuggers von der einflussreichen Augsburger Handelsfamilie zum Kauf von Gewürzen an die Westküste Indiens.
Heute fördert der Freistaat den wirtschaftlichen Austausch mit einer Repräsentanz in der Hightech-Metropole Bangalore und unterhält als einziges Land eine Partnerschaft mit dem Bundesstaat Karnataka.
Bayern hat die gigantischen Möglichkeiten des Subkontinents längst erkannt, aber auch immer mehr indische Unternehmen wagen den Schritt nach Europa. Aktuell verzeichnet die Investitionsagentur des bayerischen Wirtschaftsministeriums »Invest in Bavaria« über 60 indische Firmen im Freistaat.
Indisches Jahrhundert.
»Dieses Jahrhundert gehört Indien«, davon ist Armin Bruck, Managing Director der Siemens Ltd. India, überzeugt. Der Siemens-Landeschef lebt seit zwei Jahren in Mumbai. Seine Meinung gründet auf einem Schlüsselerlebnis vor wenigen Monaten. Im Februar war er zur Wiedereröffnung des bei den schweren Anschlägen auf die Finanzmetropole im vergangenen November zerstörten »Taj Mahal«-Hotels geladen. Ratan Tata, Indiens ikonenhafter Manager und CEO der Tata-Group, betonte in seiner Rede zur Wiedereröffnung den unbedingten Willen Indiens, sich von Rück- und Anschlägen nicht unterkriegen zu lassen. Brucknimmt ihn beim Wort - und steht nicht allein mit seiner Meinung.
Eine Umfrage der Deutsch-Indischen Handelskammer im Frühjahr dieses Jahres hat ergeben, dass deutsche Manager Indien auch in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise als zent-ralen Wachstumsmarkt sehen. Pluspunkte sind der große Binnenmarkt sowie ein auf 300 Millionen Menschen angewachsener Mittelstand. Der private Konsum macht inzwischen fast 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Und damit ist längst nicht Schluss. »Wir brauchen ein schnelles und starkes Wirtschaftswachstum, damit in den kommenden Jahren die weiteren 700 bis 800 Millionen Einwohner zu diesem höheren Lebensstandard aufschließen können«, betont Anup K. Mudgal, Indiens Generalkonsul in München. Damit stehen die Chancen gut dafür, dass künftig noch mehr Investitionen als bisher nach Indien fließen - vor allem mit Blick auf das schwache globale Umfeld. Schon heute unterhalten neben Siemens rund 350 Unternehmen aus Bayern Joint Ventures in Indien, darunter weitere namhafte Firmen wie BMW, Allianz und MAN.
Siemens gehört zu den deutschen Investoren der ersten Stunde, und die Wirtschaftsbeziehungen reichen bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. »Schon vor 160 Jahren hat Siemens eine Telegrafenlinie von London nach Kalkutta gebaut, seit 140 Jahren ist die Firma vor Ort, seit 50 Jahren an der indischen Börse gelistet«, erläutert Bruck. Diese langjährige Präsenz ist aus seiner Sicht auch das Erfolgsgeheimnis, denn es hat Siemens mittlerweile in den Augen vieler zu einem »indischen Unternehmen mit deutschen Wurzeln« gemacht. Generell brauchen Investoren, die auf dem riesigen Subkontinent Fuß fassen wollen, einen langen Atem und Geduld, um ein Gespür für die Menschen zu entwickeln.
Enormer Nachholbedarf.
Siemens ist in drei der wichtigsten Wachstumsbereiche Indiens aktiv: Industrie, Energie und Gesundheitswesen. In diesen Branchen sowie im Bereich Bildung besteht enormer Nachholbedarf, bestätigt auch Generalkonsul Mudgal. Die aufstrebende Wirtschaft des Schwellenlandes lässt vor allem den Energiebedarf drastisch steigen. Bruck erläutert: »In Spitzenzeiten fehlen bis zu 20 Prozent Energie, in den kommenden 20 Jahren müssen wenigstens 5.000 Krankenhäuser gebaut werden, um einen gewissen Mindeststandard zu erreichen, und an Straßen, Bahnstrecken, Häfen und Airports mangelt es obendrein.« Nur mit einem entsprechenden Ausbau von Infrastruktur und Energie kann der Subkontinent seine Entwicklungschancen voll ausschöpfen. Im Energiesektor sind dabei zunehmend Techniken zur Gewinnung erneuerbarer Energie gefragt. Solarlösungen könnten zum Beispiel die Energieversorgung in entlegeneren Ortschaften sichern. Zwar sind viele Branchen mittlerweile von nationalen wie internationalen Unternehmen besetzt, doch gerade Spezialanbieter im Bereich Green Technology haben noch gute Möglichkeiten.
Neben der Wahl der Branche sind das Preis-Leistungs-Verhältnis sowie der Aufbau indischer Fertigungsstätten entscheidend für den Erfolg eines Investments. »Indien ist ein sehr preissensitiver Markt«, betont Bruck. Günstig ist wichtig. Daher empfiehlt es sich, kostengünstige Produktionsstätten im Land aufzubauen, die dann zugleich vor allem die Märkte der Schwellenländer beliefern können. Infolge der Lokalisierung verfügt Siemens mittlerweile über 20 Fabriken in Indien, der seit 1994 im Land aktive TÜV Süd ist an 30 Standorten vertreten. »Die Wahl des richtigen Standorts ist sehr wichtig«, erläutert Divya Rao, TÜV-Süd-Sprecherin in Mumbai. Es gelte, Orte mit zukunftsträchtigem, wirtschaftlichem Potenzial zu wählen.
Siemens hat zudem landesspezifische Ausbildungspläne und Lehrzent-ren entwickelt, eine »Siemens Akademie« wird als Fernziel anvisiert. Auch Rajnish Tiwari, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Technischen Universität (TU) Hamburg-Harburg mit Forschungsschwerpunkt auf Indien, sieht weiteres Potenzial im Wissenschaftsaustausch beider Länder. »Lange Zeit wollte Indien eigene universitäre Kapazitäten ohne paternalistische Einmischung aus dem Ausland aufbauen, doch seit 2003 gibt es zunehmend Forschungskooperationen.« Und das sowohl in Indien als auch im Ausland. So wurde im Juli an der Hochschule Hof das Bayerisch-Indische Zentrum für Wirtschaft und Hochschulen (BayIND) eröffnet. Auch verlegen ausländische Firmen zunehmend ihre Forschung und Entwicklung nach Indien. Gute Rechtssicherheit und eine stabile Demokratie machen es möglich.
Langwierige Entscheidungswege.
Schwachstellen Indiens sind langwierige politische wie juristische Entscheidungswege. Außerdem könnten indische Unternehmen vor allem ihre internen Prozessabläufe verbessern, berichtet Rao vom TÜV Süd. Der internationale Dienstleister mit Hauptsitz in München nimmt viele ISO-Zertifizierungen bei Unternehmen in Südostasien vor und berichtet: »Nicht die Qualität der Produkte macht Probleme, sondern die Unternehmensorganisation.« Allerdings unternähmen die Inder viele Anstrengungen, sich auf die Anforderungen internationaler Märkte und länderspezifischer Auflagen einzustellen. Laut Rajnish Tiwari von der TU Hamburg-Harburg erschweren zudem die tiefen Hierarchien indischer Konzerne den erfolgreichen Schritt ins Ausland. Eine der größten interkulturellen Herausforderungen, vor denen indische Investoren stünden, sei die Frage danach, wie viel Autonomie sie der Tochtergesellschaft im Ausland gewährten.
München - indische Hochburg.
Dennoch: Unternehmen aus Indien haben sich längst vom Handel mit Tüchern
und Gewürzen emanzipiert. Allein in Bayern sind über 60 indische Firmen
registriert, rund 6.000 Inder leben im Freistaat, fast die Hälfte davon
in München. Die bayerische Landeshauptstadt ist damit eine der indischen
Hochburgen in Deutschland. Eine aktuelle Untersuchung der TU Hamburg-Harburg
hat sogar ergeben, dass die indischen Direktinvestitionen in Deutschland mit
vier Milliarden US-Dollar mittlerweile die deutschen Direktinvestitionen in
Indien (2,3 Milliarden US-Dollar) übertreffen.
Hauptsektor für indische Unternehmen in Bayern war bislang der IT-Bereich,
mit Firmen wie HCL oder dem zu Indiens bekanntestem Firmenkonsortium gehörigen
Tata Consultancy Services, einem Dienstleister im Bereich Informationstechnologie,
Beratung und Outsourcing, die beide ihren Sitz in München haben. Interessant
sind auch derAutomobil- und der Luftfahrtsektor. »Indische Unternehmen
besetzen verstärkt Nischen im Bereich Industrie- und Dienstleistungslösungen
wie zum Beispiel industrielles Design«, sagt Generalkonsul Mudgal. Das
bislang größte indische Investment in Bayern floss indes in die Pharmabranche.
Dr. Reddy´s Laboratories mit Hauptsitz in Hyderabad kaufte 2006 für
480 Millionen Euro den Augsburger Generikahersteller Betapharm. »Für
indische Unternehmer ist es eine Frage des Prestiges, ins Ausland zu gehen.
Daher laufen sie Gefahr, sich zu teuer in ausländische Firmen einzukaufen«,
meint Tiwari.
Doch auch ein hoher »Eintrittspreis« kann sich angesichts des positiven
Trends gerade international aufgestellter Unternehmen an der indischen Börse
lohnen. Dort schätzt man die zukünftige Entwicklung angesichts der
klaren politischen Mehrheiten nach der Parlamentswahl vom Frühjahr günstig
ein, auch Dr. Reddy‘s konnte seinen Aktienkurs seither mehr als verdoppeln.
Inken Heeb
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