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Chinesische Impulse stärker nutzen
Gespräch mit Alexandra Voss

 

 

Der diesjährige Greater China Day wird von der Deutschen Handelskammer in Südchina/AHK Greater China, Kanton, und der IHK Düsseldorf federführend organsiert. Im Mittelpunkt stehen Chancen und Risiken, die das Chinageschäft gerade in dem gegenwärtig schwierigen weltwirtschaftlichen Umfeld bietet. ChinaContact sprach dazu mit der Delegierten der Deutschen Wirtschaft in Kanton, Alexandra Voss.

 

Frau Voss, der Greater China Day 2010 steht unter dem Motto »Aufstieg mit dem Drachen?«. Welche Symbolik verbirgt sich dahinter und vor allem, weshalb das Fragezeichen?
Der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Großmacht ist nicht mehr Zukunftsszenario sondern Realität. Die Kraft und Entschlossenheit, mit der China auf die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise reagiert, hat diese Tatsache noch einmal besonders eindrucksvoll untermauert. Auf dem Greater China Day möchten wir möglichst interaktiv diskutieren, welche aktuellen Trends wir heute in China sehen. Hierfür haben wir insbesondere die sechs Themenworkshops geplant. Das Fragezeichen haben wir gesetzt, weil wir auch die Probleme ansprechen wollen. China ist ein starker und selbstbewusster Wettbewerber geworden. Das Chinageschäft birgt auch seine Risiken. In zwei Podiumsdiskussionen werden langjährige Chinakenner ihre Einschätzung darlegen und auch einen Blick in die Zukunft wagen.

 

Chinas Wirtschaft ist 2009 um mehr als acht Prozent gewachsen, die deutsche um mehr als fünf Prozent geschrumpft. Welche Bedeutung hat das Chinageschäft für die deutsche Wirtschaft angesichts dieser Tatsache?
Vom Wirtschaftswachstum und den Impulsen aus den chinesischen Konjunkturprogrammen können auch die deutschen Unternehmen profitieren. Die chinesische Regierung will in weiten Teilen des Landes die Industriestruktur weiter modernisieren. In neuen Schwerpunktbranchen wie zum Beispiel Luftfahrt, Automobil oder auch Life Sciences soll das technische Niveau deutlich erhöht werden. Umwelt- und Energieziele sind hoch gesteckt. Hier besteht große Nachfrage nach Technologien, Know-how und Erfahrungen aus Deutschland. Sehr ambitioniert sind auch die Vorhaben zum Ausbau der Infrastruktur. Gleichzeitig ist die Ankurbelung der inländischen Nachfrage ein wichtiges politisches Ziel. Das ist ein besonders wichtiger Punkt, da die meisten deutschen Unternehmen in China ihre Vertriebsstrategie bereits seit Jahren auf den chinesischen Markt ausgerichtet haben.

 

Wo sehen Sie die größten Chancen für den Ausbau der Geschäfte mit China?
China ist auf dem Weg, sich weg von der Basis für Low-Cost- und Low-Tech-Produktion hin zu einem Standort für anspruchsvolle Industrien zu entwickeln. Dies bietet Möglichkeiten für Unternehmen mit qualitativ hochwertigen Technologien. Ein weiteres Wachstumsfeld ist der Bereich der Konsumgüter. In den großen städtischen Zentren Chinas lebt heute eine kaufkräftige Mittelschicht, deren Lebens- und Konsumgewohnheiten sich kaum mehr von denen des Westens unterscheiden. Auf dem Greater China Day wird es sowohl für den Bereich der Investitions- als auch für den Konsumgütermarkt eigene Workshops mit viel Raum für Diskussionen geben.

 

Und die größten Hindernisse?
Die größten Hindernisse, vor denen die ausländischen Unternehmer in China stehen, sind noch immer Marktzugangsbeschränkungen, erzwungene Technologieübertragung und der unzureichende Schutz geistigen Eigentums. Beim Schutz des geistigen Eigentums sind dabei in jüngster Zeit deutliche Fortschritte zu verzeichnen, insbesondere weil die chinesischen Unternehmen selbst immer mehr schützenswertes geistiges Eigentum produzieren. Beim Technologietransfer auf der anderen Seite verzeichnen wir eher eine Zunahme des Drucks, etwa bei neuen Regeln und Standards für die Produktzertifizierung.

 

Dass China einheimische Unternehmen angesichts der weltweiten Krise besonders fördert, ist dem Land nicht zu verdenken. Sind Forderungen, bei Ausschreibungen einheimische Innovation zu bevorzugen, für deutsche Unternehmen, die in China produzieren, wirklich ein Hindernis und wie können sie darauf reagieren?
Protektionismus ist keine Lösung zur Bewältigung der Wirtschaftskrise und schadet zudem insbesondere den starken Exportnationen wie China und Deutschland. Die Deutsche Handelskammer in China unterstützt daher auch die bisherige Forderung Chinas nach offenen Märkten und einer Unterlassung protektionistischer Maßnahmen. Das geht mit der Erwartung an die chinesische Regierung einher, im gemeinsamen Interesse keine Benachteiligung ausländischer Unternehmen zuzulassen. Ein offener Markt ist aus unserer Sicht die beste Medizin gegen die Wirtschaftskrise.

 

Als klar wurde, dass China 2009 Deutschland erstmals den Rang des »Exportweltmeisters« abgelaufen hat, waren Kommentatoren schnell dabei zu erklären, das sei nur dank des künstlich niedrig gehaltenen Yuan-Kurses möglich. Bringt die Aufwertung der chinesischen Währung wirklich mehr Geschäft für deutsche Unternehmen?
Die Nachricht, China habe Deutschland 2009 den Titel des Exportweltmeisters abgenommen, ist beeindruckend. Aber man muss sich auch die Bemessungsgrundlage anschauen. Ein großer Teil von Chinas Exporten liegt im Bereich des Processing Trades, also Montage von Komponenten, die anderswo in der Welt hergestellt worden sind. Hierfür steht ja ganz besonders das Perlflussdelta, Chinas wirtschaftsstärkste Region und das Exportzentrum im Süden des Landes. Hinzu kommt der Nachhaltigkeits­aspekt.
Das chinesische BIP-Wachstum ist zu einem beträchtlichen Teil Folge der massiven steuerpolitischen Anreize, die die Regierung zur Ankurbelung des Exports und zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit bei Millionen von Wanderarbeitern verabschiedet hat. Dieser Kurs ist gerade mit Blick auf die soziale Ordnung gut begründet gewesen, aber wirtschaftlich nachhaltig ist er nicht.
Zur Aufwertung des Yuans: Die meisten Analysten halten eine Aufwertung aus verschiedenen Gründen für wahrscheinlich, unter anderem wegen der Erholung des Exports, des wachsenden internationalen Drucks und Chinas politischem Interesse, sich als verantwortlicher Partner der Weltwirtschaft zu präsentieren. Von einer Aufwertung profitieren vor allem Unternehmen in China mit US-Dollar-Kosten und Yuan-Einnahmen. Also etwa Stahl- oder Automobilhersteller, die allgemein Rohstoffe und Komponenten aus dem westlichen Ausland importieren. Mit Blick auf Deutschland wäre eine Aufwertung auch für unseren Export relevant, denn die Aufwertung des Yuan würde den Preisvorteil der chinesischen Hersteller mindern und gleichzeitig die Kaufkraft der chinesischen Konsumenten erhöhen.

 

Mit Blick auf China wird oft gesagt, das Konjunkturprogramm habe zu einer »Verzerrung« der Leistungsbilanz geführt. Konjunkturspritzen aus Steuermitteln gab es aber weltweit. Was macht den Unterschied aus?
In Anbetracht des Stimuluspackets sind die chinesischen Importe im vergangenen Jahr weniger geschrumpft (minus 11,2 Prozent), daher ist der Handelsüberschuss sogar geringer geworden. Die steuerlichen Anreize waren vor allem auf den einheimischen Markt gerichtet – Autos, White Goods et cetera. Export und Binnenhandel sollten daher etwas getrennt betrachtet werden. Für Verzerrungen in der Leistungsbilanz ist primär der Wechselkurs verantwortlich. In Zeiten der Krise wurde der Yuan wieder verstärkt an den US-Dollar gekoppelt, was Euro-Güter verteuert hat.
Von den Impulsen aus dem chinesischen Konjunkturprogramm können auch ausländische Unternehmen profitieren. Hauptsächlich sind sie jedoch den chinesischen Unternehmen zu Gute gekommen. Dies ist auch nicht verwunderlich.
Last but not least hat man in China, das sich in weiten Landesteilen noch immer auf dem Stand eines Entwicklungslandes befindet, natürlich gute Möglichkeiten, sinnvolle Konjunkturprogramme zu im­plementieren, von denen nachhaltige Wachstumsimpulse ausgehen. Hier sind vor allem die großen Infrastrukturprojekte zu nennen. pt

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