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Dem »Geheimnis China« auf der Spur

 

 

Vor etwa zwei Jahren war er fast soweit, China den Rücken zu kehren. Inzwischen kann sich Jörg Wuttke wieder vorstellen, in dem Land alt zu werden. Der 51-jährige Chefrepräsentant der BASF in Peking zählt zu den »ältesten« ausländischen Managern in China, das für ihn nach wie vor ein spannendes Land ist, »das ich immer noch versuche, zu begreifen«. Das »Geheimnis China« werde wohl nie richtig enthüllt, meint Jörg Wuttke, der 1982 das erste Mal in China war.
Anfang der 80er Jahre hat sich Jörg Wuttke entschieden, Sinologie zu studieren, »weil ich nicht das machen wollte, was alle machen. Chinesisch zu studieren schien mir das Extrem zu sein«. Damit galt er als »Exot«. Seine Mutter sei sogar in Tränen ausgebrochen, als sie hörte, was der Sohn studieren wollte. Wer sich damals für ein Sinologie-Studium entschied, war entweder Maoist oder »Teebruder«, so Wuttke. Beides traf für ihn nicht zu: »Ich wollte Manager werden und in China erfolgreich verkaufen«, sagt er. Mit der klassischen Sinologie, »Tang-Gedichten und all dem Zeug aus dem ›Elfenbeinturm‹«, ist das nicht möglich, war ihm recht bald klar. Aber auch, dass ein Unternehmer in China nur erfolgreich sein kann, wenn er »auf zwei Beinen steht«. Fachwissen, kombiniert mit fundierten Kenntnissen der chinesischen Sprache und Kultur, die helfen, das Land und die Partner im Land zu verstehen, sei die ideale Voraussetzung, heute sogar noch mehr, denn inzwischen gibt es eine »starke Konkurrenz einheimischer Führungskräfte«.
So hat sich Jörg Wuttke recht bald von der Sinologie verabschiedet, ist mit einem Frachtflugzeug nach Taiwan geflogen, um dort für ein Jahr Chinesisch zu lernen, und hat dann 1985 bei ABB begonnen zu arbeiten und gleichzeitig in Mannheim Betriebswirtschaft studiert. Am 8. August 1988 ist er für seinen ersten China-Job in Peking gelandet. Dieser Tag sei ein gutes Omen, begrüßte ihn der Fahrer am Flughafen und sagte eine große Karriere voraus: »88-8-8« – mehr Glück könne es gar nicht geben. »So richtig klar war mir die Symbolkraft dieses Datums damals noch nicht.«
Wandel der Zeit. Mit zwei Jahren Unterbrechung ist Jörg Wuttke seit diesem Tag fast ununterbrochen in China tätig, seit November 1996 für die BASF. Das Land hat sich inzwischen gewaltig gewandelt. China sei eine andere Welt geworden. Das könne unter anderem an der Infrastruktur festgemacht werden. So kann sich der Manager noch gut daran erinnern, dass er 1982 spät abends an einer vierspurigen Straße in Peking gesessen habe und sich fragte, wozu es solch große Straßen gebe, denn weit und breit sei nur ein einziger, einsamer Eselskarren zu sehen gewesen. »Heute ist Peking der größte Parkplatz der Welt.«
Der Bauboom der vergangenen Jahre, der das Land vollkommen verändert habe, sei aber nur die eine Seite. Auch die Menschen in China seien nicht mehr dieselben. In den 80er und frühen 90er Jahren waren die Chinesen noch neugierig, »wir Ausländer waren die Botschafter der westlichen Kultur« und die Chinesen seien bereit gewesen, alles Neue förmlich aufzusaugen. »Heute ist das anders«, stellt Jörg Wuttke ein wenig wehmütig fest. Die Menschen seien viel pragmatischer und sehen das westliche System nur als Mittel, um Karriere zu machen und reich zu werden. Das findet Jörg Wuttke schade, denn auch die Beziehungen zwischen den Menschen – Einheimischen und Ausländern – leiden darunter. Heute könne alles gekauft werden, vor 30 Jahren war noch Pioniergeist gefragt. China habe sich zu einer »Hochhaus-, Starbucks- und Jenny-Lou-Gesellschaft« entwickelt, die ein ungeahntes Tempo hat: »Dank Blackberry sind wir heute sieben Tage in der Woche 24 Stunden erreichbar.«
Als ausländischer Manager sei man auch nichts Besonderes mehr. Es ist inzwischen schwierig, Kontakte zu den höchsten Regierungsstellen zu bekommen. Vor 25 Jahren war das noch leichter. Wuttke schränkt aber auch ein, dass damit eine Normalität Einzug gehalten hat, wie sie im Westen von keinem Manager in Frage gestellt wird. Natürlich habe der Faktor »Politik« in China noch immer einen großen Stellenwert. Die politischen Rahmenbedingungen sind für den Erfolg des Geschäfts nicht zu unterschätzen, »die Politisierung der Wirtschaftsbeziehungen wird aber überstrapaziert«. Entscheidend sei, die beste Qualität zum besten Preis anzubieten.
Gleichzeitig müssen ausländische Unternehmen lernen, dass sie immer »Ausländer« bleiben, egal, ob ihre in China produzierten Waren mehr Local Content enthalten als manches Erzeugnis, das aus chinesischen Werken kommt. In China vom Band rollende Volkswagen seien chinesischer als beispielsweise der Geely, meint Wuttke, »im Bewusstsein der Chinesen bleibt aber Volkswagen ein ausländisches Auto«. Deshalb müssten ausländische Firmen »immer noch ein Plus drauflegen«, um am Markt Erfolg zu haben, gerade dann, wenn einheimische Firmen besonders gefördert werden wie in der gegenwärtigen Krise. Das ist, so Wuttke, grundsätzlich nicht zu verurteilen. Ihm geht es aber um das »Wie«. Das heißt: »Wir wollen als gleichberechtigte Marktteilnehmer gesehen werden, denn wir verstehen uns auch als chinesische Unternehmen.« pt

 

 

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