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Vor großen Herausforderungen
Ungleiche Entwicklung erschwert Aufschwung
Während Bundesstaaten wie Gujarat oder Maharashtra einen Großteil des indischen Wachstums hervorbringen, haben schwach entwickelte Regionen kaum Anteil an Fortschritt und höheren Einkommen. Daraus erwächst sozialer Sprengstoff, den Indiens Regierung mit geeigneten Strategien entschärfen muss.
Indiens Wirtschaft ist gemäß Bruttoinlandsprodukt die elftgrößte der Welt. Nach Kaufkraftparität ist sie die viertgrößte im internationalen Vergleich. Seit der Abwendung vom Nehru-Sozialismus und der Öffnung der Märkte in den 1990er Jahren erlebt das Land ein rapides Wachstum. Heute ist es eine wachsende Ökonomie mit einem gigantischen Humankapital, insbesondere in wissensintensiven Branchen, und mit gewaltigen natürlichen Ressourcen.
Die Wirtschaftspolitik Indiens hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Von 1947 bis 1991 prägten die Regierungen eine Ökonomie der Regulierungen und der Schutzzölle, die Schattenseiten waren die allgegenwärtige Korruption und schleppendes Wachstum. Seit dem Jahr 1991 und der Regierung von Narasimha Rao haben stetige ökonomische Liberalisierungsmaßnahmen das Land der Marktwirtschaft näher gebracht. Die Politik der Jahre nach der Jahrtausendwende bis heute befeuerte die ökonomischen Wachstumsraten weiter und im Jahr 2008 hatte sich das Land zur am zweitschnellsten wachsenden Ökonomie der Welt aufgeschwungen. Doch 2009 ging die Wachstumsrate schlagartig auf nur 6,9 Prozent zurück, ein Haushaltsdefizit von 10,3 Prozent wurde prognostiziert – es wäre eines der höchsten weltweit. Indiens Wirtschaft ist insbesondere vom hohen
Anteil der Service-Industrie am Bruttoinlandsprodukt geprägt (62,6 Prozent). Der industrielle Sektor trägt 20 Prozent zum BIP bei, die Landwirtschaft 17,5 Prozent. Gleichzeitig arbeiten jedoch 52 Prozent aller Inder in der Landwirtschaft. Reis, Weizen, Ölsamen und Baumwolle zählen zu den wichtigsten Produkten. Zu den bedeutendsten Industrien gehören Telekommunikation und Textilien, Chemikalien, Stahl und Zement. Das Pro-Kopf-Einkommen der Inder liegt bei 1.124 US-Dollar, der Anteil am weltweiten Handel umfasst 1,5 Prozent. Das gesamte Handelsvolumen betrug im Fiskaljahr 2009/10 439 Milliarden US-Dollar.
Trotz der insgesamt rasanten Wirtschaftentwicklung leidet Indiens Wirtschaft unter massiven Problemen. Denn vom Wachstum haben nur einzelne Bevölkerungsgruppen, wirtschaftliche Sektoren und geografische Regionen profitiert. So leben bis heute 80 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar am Tag, 40 Prozent aller Kinder unter drei Jahren sind untergewichtig. Die Bekämpfung der Armut war in Indien in den vergangenen Jahren deutlich erfolgloser als im Nachbarland China, was aus Ungleichverteilungen resultiert. Insbesondere Land und Bildung sind in Indien extrem schlecht verteilt.
Disparitäten erkannt.
Die Wirtschaftspolitik hat in den vergangenen Jahren versucht, die industrielle Entwicklung in den ökonomisch schwachen Regionen voranzutreiben, aber bis heute siedeln sich Unternehmen vorzugsweise rund um die urbanen Zentren und Hafenstädte an. Deshalb fordert die Weltbank in ihrer »Development Policy Review 2006« für Indien die verbesserte Umsetzung der staatlichen Versorgung in Bereichen wie Gesundheit, Bildung, Energie und Wasser für alle Bewohner. Dazu sollten die zuständigen Institutionen dezentralisiert oder reformiert oder Public-Private-Partnerships entwickelt werden. Um den aus dem Wachstum resultierenden Gewinn besser zu verteilen, wird vor allem gefordert, in die Landwirtschaft zu investieren und mehr Arbeit für schlecht ausgebildete Arbeiter zu schaffen.
Zu den konkreten Vorschlägen gehört unter anderem, das Arbeitsrecht zu verbessern, den technologischen Fortschritt in der Landwirtschaft voranzutreiben und einzelne geografische Regionen zu fördern.
Ein besonders großes Problem ist derzeit die schnell wachsende Inflation. Im März stieg sie auf ein 17-Monats-Hoch von 9,9 Prozent, die Konsumentenpreise legten bis Februar um 14,9 Prozent im Vergleich zum selben Vorjahresmonat zu. Mehrere zehntausend Menschen demonstrierten in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi gegen den dramatischen Anstieg von Lebensmittelpreisen. Zu der Massenkundgebung hatte die größte Oppositionspartei, die hindu-nationalistische BJP, aufgerufen.
Duvvuri Subbarao, Chef der Reserve Bank of India (RBI), erklärte jüngst in einem Interview, die Inflation »zur großen Sorge« für die Wirtschaft. Die Zentralbank plane, finanzielle Anreize sukzessive zu beseitigen, um ein substanzielles Wachstum zu garantieren. Die Verschärfung der Geldpolitik könne das Wachstum kurzfristig bremsen, langfristig sei sie »mit Sicherheit im besten Interesse« der Wirtschaft. Am 20. April dieses Jahres hob die Zentralbank die drei Leitzinssätze für Reverse-Repurchase, Repurchase und Cash Reserve um je einen Viertel Prozentpunkt an, um die Inflation zu bremsen. »Wir haben damit begonnen, den Finanzmarkt ernsthaft zu straffen«, sagte Subbarao. »Wir müssen uns kalibrieren, wenn es darum geht, fiskale Stimuli zu reduzieren, da sich der private Konsum und die Investitionen noch nicht vollständig erholt haben.« Indiens Wirtschaft stehe auf einer zunehmend breiten Basis. »Das industrielle Wachstum ist ziemlich robust. Das Kreditwachstum holt auf.«
Vielen Kritikern gelten Subbaraos Ankündigen indes als leere Worte. Und die Maßnahmen als Augenwischerei. So moniert Ramya Suryanarayanan, Ökonom der DBS Group Holdings Ltd. in Singapur: »Der Ansatz der Zentralbank ist alles andere als beruhigend.« Die Zinsraten sind angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs gering, und es besteht das »Risiko, dass, wenn die RBI jetzt weniger tut, sie später deutlich nachlegen muss« Oliver Schulz
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