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Ein Klang wie Donnerhall
Gespräch mit Dirk Matter

 

In Indien wird fast jede Woche eine neue Fabrik eröffnet. Der deutsche Mittelstand hat dort gute Chancen und mit dem richtigen Biss können auch kleine Unternehmen staatliche Ausschreibungen gewinnen, sagt Dirk Matter, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer Düsseldorf.

 

Herr Matter, mit sieben Prozent BIP-Wachstum im Fiskaljahr 2009/10 bleibt der indische Elefant auf Kurs. Indiens Wirtschaft ist trotz globaler Finanz- und Wirtschaftkrise gewachsen. Konnten deutsche Unternehmen von dieser Entwicklung profitieren?
Ja, ich denke schon. In den vergangenen vier bis fünf Jahren hatten sich die deutschen Exporte nach Indien mehr als verdoppelt und lagen im Jahr 2008 bei über acht Milliarden Euro. 2009 gab es krisenbedingt einen Rückgang um 2,5 Prozent. Wenn man jedoch weiß, dass manche Exportmärkte der Deutschen um 20 bis 25 Prozent eingebrochen sind, dann kann man sagen, dass die deutschen Exporte nach Indien mit einem blauen Auge davongekommen sind. Bereits im Januar und Februar 2010 gab es wieder ein Wachstum von kumuliert 19 Prozent, auch wenn da der Basiseffekt eine Rolle spielt. Aber auch der zweite wichtige Indikator, das Industriewachstum, stieg im letzten Quartal 2009 bereits wieder um 14 Prozent. Und genau das ist die Stoßrichtung des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus, der ja immerhin 40 Prozent der deutschen Exporte nach Indien ausmacht.
...und der 2009 genau wie der Bereich Automobiltechnik besonders hohe Exportverluste hinnehmen musste. Ist hier mittlerweile eine Trendwende in Sicht?
Ja, das kann man so sagen. Indien ist ein Land mit einer jungen Industrie, der Markt ist noch nicht gesättigt – und: Indien ist ein Land für den Großanlagenbau. Dort tut sich eine ganze Menge. Neue Stahlwerke werden gebaut, auch Mittal plant ein neues. Moderne Kraftwerke werden errichtet, konventionelle, aber auch Solaranlagen. All das sind Projekte, die für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer interessant sind. Deutschland ist in diesem Bereich das Lieferland Nummer eins in Indien. Deutsche Unternehmen und Produkte haben nicht nur einen guten Ruf, »made in Germany« hat in Indien noch einen Klang wie Donnerhall! Zwar produzieren die Inder mittlerweile 70 Prozent der Maschinen selbst, die restlichen 30 Prozent werden aber importiert und genau in diesem Segment sind wir Marktführer.
In Indien ist die Automobilindustrie der am schnellsten wachsende Markt, die Fabriken werden regelrecht aus dem Boden gestampft. Auch hier sind deutsche Hersteller unglaublich stark vertreten, insbesondere die Zulieferer. Eine ganze Reihe mittelständischer Unternehmen, die als Technologieführer über interessante Innovationen verfügen, haben zusammen mit den Autokonzernen den Weg nach Indien angetreten.

 

Wie hat sich das schwierige Wirtschaftsumfeld auf die Kammerarbeit ausgewirkt – hatten Sie weniger zu tun als in den Vorjahren?
Nein, der Beratungsbedarf deutscher Unternehmen liegt seit vier bis fünf Jahren auf konstant hohem Niveau. Das Auslandsgeschäft ist nicht zyk­lisch geprägt, und Firmengründungen hängen auch nicht vom Verlauf der Konjunktur ab. Die Errichtung einer Produktionsstätte ist ein Projekt, das mittelfristig geplant wird. Kleine und mittlere Unternehmen – bodenständig und konservativ – beherrschen ihr Geschäft. Sie nehmen sich Zeit, analysieren sorgfältig und führen Gespräche nicht nur mit einem poten­ziellen Partner. Wenn dann nach ein bis zwei Jahren die Entscheidung für den neuen Standort gefallen ist, wird der Plan umgesetzt, egal ob die Konjunktur um ein bis zwei Prozentpunkte absackt. Natürlich hat es auch Fälle gegeben, bei denen das deutsche Unternehmen aufgrund von Liquiditätsproblemen die Umsetzung um sechs Monate oder auch um ein Jahr verschoben hat. Aber das sind Einzelfälle.
Aus Ihrer Erfahrung: Wo drückt die Unternehmen der Schuh?

 

Wir führen viele Erstberatungen durch und haben in den vergangenen drei Jahren 104 Firmengründungen begleitet. Dabei zeigt sich, dass es drei große Themen sind, die die Unternehmen bewegen. Erstens, ganz formale Fragen: Wie gründe ich eine Firma? Welche Gesellschaftsform wähle ich? Was darf ich als ausländischer Investor und was nicht? Zweitens, praktische Dinge wie der Immobilienerwerb: Kaufen oder mieten? Wir unterstützen da konkret und helfen bei der Suche nach dem passenden Grundstück.
Mit Indiens wirtschaftlicher Entwicklung sind die Preise regelrecht explodiert und liegen auf dem Niveau von Hamburg, München, Frankfurt am Main oder sogar darüber. Grundstücke sind aber meist nicht nur teurer als in Deutschland, dazu kommt auch noch die Frage der Verfügbarkeit. Da die Entwicklung landesweit sehr ungleichmäßig verläuft, haben sich industrielle Ballungszentren herausgebildet, so wie in Mumbai. Dieser Standort ist mittlerweile so teuer, dass es sich ein deutscher Mittelständler einfach nicht mehr leisten kann, dorthin zu gehen. Nur große Konzerne wie Bayer, Siemens und BASF haben ihre Headquarters noch in Mumbai.
Nur 150 Kilometer entfernt liegt ein weiterer Hotspot – Pune, ein Zentrum des Maschinen- und Fahrzeugbaus. Neben vielen internationalen Firmen haben sich allein dort 350 deutsche Unternehmen angesiedelt. Und es sind noch weitere Industriecluster entstanden, die pro Jahr mit 15 bis 20 Prozent wachsen. Da geht es zu wie 1897 am Klondike, als jeder Goldsucher sein Claim absteckte und losschürfte: Fabriken werden im Monatstakt eröffnet.
Dazu muss man jedoch wissen, dass die Klärung der Bodenbesitzverhältnisse sehr schwierig ist, denn es gibt kein Grundbuch und kein Kataster. Gemeinden verfügen aber sehr wohl über Flächennutzungspläne, und Ackerland kann nicht einfach in Industrieland umgewidmet werden. In Industrieparks, die halbwegs vernünftig erschlossen sind, werden verfügbare Grundstücke innerhalb eines Monats verkauft. Deutsche Unternehmer, die einen guten Standort suchen – mit ausgebauter Infrastruktur, Stromversorgung und dem Zugriff auf Fachpersonal – sind schnell frustriert, wenn Makler Grundstücke nur kurzfristig reservieren.

 

Die Ballung auf wenige Wirtschaftszentren hat zudem zu einem Fachkräftemangel geführt und damit sind wir beim dritten Themenkreis angekommen, der den Unternehmen Sorge bereitet – das Personal. Die Anzahl deutscher Expats in Indien ist begrenzt. Da sie hohe Kosten verursachen, können sich nur Großunternehmen oder auch große Mittelständler Manager aus Deutschland leisten. Alle anderen beschäftigen indisches Personal. Der Arbeitsmarkt ist inzwischen gesplittet. Auf der einen Seite fehlt es an gut ausgebildeten Arbeitskräften, die in der Regel in einem städtischen Umfeld arbeiten wollen, das ihnen Lebensqualität und ihren Kindern eine gute Ausbildung garantiert. Auf der anderen Seite gibt es ein Heer arbeitswilliger, aber nicht ausgebildeter Menschen.
Seit einigen Jahren verleiht die Deutsch-Indische Handelskammer einen »Preis für ausgezeichnete Exporterfolge im Indiengeschäft« und einen »Preis für einen besonderen Beitrag zur Entwicklung der deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen«. Wer sind in diesem Jahr die Gewinner?
Das wird erst Mitte Juni auf unserer Jahrestagung bekannt gegeben. Nur soviel: Mit diesem Preis wollen wir Unternehmen ermutigen, nach Indien zu gehen. Wir wollen positiv herausstellen, dass auch kleine Unternehmen in Indien große Chancen auf gute Geschäfte haben, denn häufig trifft man bei Mittelständlern noch auf die Ansicht, dass nur Großunternehmen dort erfolgreich sein können. Das stimmt aber nicht. Es gibt sogar Beispiele dafür, dass es auch kleine Hightech-Unternehmen mit Biss geschafft haben, in Indien staatliche Ausschreibungen zu gewinnen!

 

Mit Dirk Matter sprach Petra Reichardt

 

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