www.China-Contact.cc /index.php/chc/archivCHC/11035

Hier weht europäischer Wind
Xiamen besticht durch kaufmännisches Flair

 

 

International dürfte Xiamen vor allem durch die dort seit 1997 jährlich im Herbst stattfindende Handels- und Investitionsmesse CIFIT einen Namen haben. Die Stadt im Süden der Provinz Fujian zeichnet sich durch ein ganz besonderes Flair aus. Und sie ist ein guter Standort für ausländische Investoren.

 

»Jungen Menschen in Deutschland kann ich nur empfehlen, Chinesisch zu lernen und einen Teil ihres Arbeitslebens in China zu verbringen«, sagt Joachim Kuhn, General Manager der KBC Group in Xiamen. Für ihn liegt die Zukunft in China, das im vergangenen Jahr trotz Exportrückgängen von 19 Prozent ein Wirtschaftswachstum von 8,7 Prozent erreicht hat, weil es gelungen ist, flexibel auf die Krise zu reagieren und sich stärker auf den Binnenmarkt zu konzentrieren. Die »Erfahrung China« präge einen Manager für das Leben, meint Kuhn, der 1987 im Alter von 42 Jahren mit der Idee, »im Markt der Zukunft etwas Neues aufzubauen«, nach China gegangen ist. »In Deutschland hätte ich es nicht geschafft, in so kurzer Zeit dieses Unternehmen aufzubauen«, sagt er. KBC ist Zulieferer für Bau- und Supermärkte, entwickelt mit heute 60 Mitarbeitern zum Beispiel Serien für Badezimmerausstattungen, produziert diese in zwei eigenen Fabriken in der Nähe von Xiamen und Kanton und macht einen jährlichen Umsatz von 35 Millionen Euro.

 

Guter Platz für Investoren. Xiamen, die Stadt mit der besten Luftqualität in China, sei der ideale Standort, sagt Kuhn und ist sich dabei mit seinen Kollegen in den – zugegeben – relativ wenigen deutschen Unternehmen hier einig. Mit Gesamtinvestitionen von 340 Millionen US-Dollar rangiert Deutschland auf Rang 13 der Liste ausländischer Investoren in Xiamen. Das Gros der seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik in die Stadt geflossenen mehr als 32 Milliarden US-Dollar Investitionen kommt aus Hongkong und Taiwan, die einen Anteil von 40 beziehungsweise 30 Prozent haben. Unter den europäischen Investoren liegt lediglich Großbritannien mit einem Anteil von fünf Prozent vor Deutschland. Und rangiert damit immerhin auf dem vierten Platz.
Der stellvertretende Generaldirektor des Xiamen Foreign Investment Bureau, Hong Benzhu, betont die Bedeutung ausländischer Investitionen für die Stadt , die im vergangenen Jahr ein Bruttosozialprodukt von 161,6 Milliarden Yuan erwirtschaftet hat, und macht das mit der Formel »3-4-5-6-7-8« deutlich: Ausländische Investitionen stehen für 30 Prozent des investierten Grundkapitals, 40 Prozent der Steuereinnahmen, 50 Prozent der geschaffenen Arbeitsplätze und für 60 Prozent des Außenhandelsvolumens, das im vergangenen Jahr bei 43,3 Milliarden US-Dollar lag und damit gegenüber 2008 um 4,5 Prozent zurückgegangen ist. Ausländisch investierte Unternehmen haben einen Anteil von 70 Prozent am Bruttosozialprodukt und erzeugen 80 Prozent der gesamten Industrieproduktion.
Xiamen, mit einer Fläche von knapp 1.600 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von 2,6 Millionen im chinesischen Maßstab eher eine Kleinstadt, kann sich bei ausländischen Investitionen natürlich nicht mit Shanghai, Peking oder Kanton messen, obwohl die ausländischen Unternehmer das gute Investitionsumfeld loben. So bestätigt auch Detlef Max Schmeelke, Managing Director für Hongkong und Südchina beim Logistikunternehmen Logwin, die Effizienz der Xiamener Behörden, die es ausländischen Unternehmen leicht macht, in der Stadt aktiv zu sein. Seit 2004 hat Logwin ein Büro in Xiamen, das sechstgrößte auf dem chinesischen Festland. »Nehmen Sie nur die Zollabwicklung«, sagt er. In Xiamen herrsche ein »kaufmännisches Flair« mit »klarem Procedere«. Schmeelke bestätigt Hong Benzhus Aussage, dass die Infrastruktur in der Stadt »ideal für ausländische Investoren« sei. Der Hafen der Stadt ist der siebtgrößte in China und hat im vergangenen Jahr 110.000 Tonnen Schüttgut und 50.000 TEU Container umgeschlagen. Und der Flughafen ist das viertwichtigste Logistikdrehkreuz des Landes.
Die gute logistische Infrastruktur ist auch für Jens Splittgerber, stellvertretender General Manager der Linde (China) Forklift Truck Corp., Ltd., ein Plus des Standortes. Xiamen sei zwar nicht der »Nabel von China«, besteche aber durch einen Service, der deutlich besser als anderswo im Land ist.
Auch Bärbel Lellbach, Vorstandsmitglied der WAWI Chocolate (Xiamen) Co., Ltd., hebt die Professionalität der Behörden hervor, die immer bemüht sind, gemeinsam mit den ausländischen Unternehmern akzeptable Lösungen zu finden. So gab es mal Probleme mit Überraschungseiern für den japanischen Markt. Das Spielzeug wurde vom Auftraggeber aus Japan geliefert und bei Kontrollen durch die lokalen Behörden zeigte sich, dass es nicht ganz den chinesischen Normen entsprach. Dadurch drohte der Auftrag zu platzen. Letzten Endes gelang es jedoch, in Verhandlungen eine Lösung zu finden, bei der sich der japanische Auftraggeber verpflichtete, die Überraschungseier nicht auf dem chinesischen Markt zu verkaufen und in Japan eventuell auftretende Probleme China nicht anzulasten.
Oft regiert der Zufall. Hong sagt, »wir sind zwar klein, aber offener gegenüber dem Ausland als andere Städte« und bezieht sich dabei darauf, dass die Stadt bereits vor mehr als 160 Jahren infolge der Opiumkriege für Ausländer (gewaltsam) geöffnet wurde. »Bei uns weht europäischer Wind und wir atmen amerikanischen Geist«, meint er und gibt gleichzeitig zu, dass noch zu wenig getan wird, die Attraktivität des Standortes im Ausland bekannt zu machen. So ist dann auch bei vielen ausländischen Unternehmen der Zufall im Spiel, dass sie sich gerade in Xiamen angesiedelt haben.
Für Joachim Kuhn, der seine Firma ursprünglich in Taiwan gegründet hatte, war es eine logische Folge, nach Xiamen über die Taiwan-Straße zu wechseln, als die taiwanische Wirtschaft begann, ihre Unternehmen in die Provinz Fujian zu verlagern. Anders sah es dagegen bei der WAWI-Schokolade AG aus Pirmasens aus, die seit 1994 in Xiamen Osterhasen und Weihnachtsmänner produziert. Bärbel Lellbach lacht bei der Frage, wie ein Unternehmen aus der »deutschen Provinz« dazu komme, in Xiamen eine Schokoladenproduktion aufzubauen. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Walter Müller, sei sehr reisefreudig, erzählt sie, und war 1992 Mitglied einer Unternehmerdelegation aus Rheinland-Pfalz, die nach Xiamen reiste. Dort lernte er den Chef der lokalen Süßwarenfabrik kennen und war sich mit ihm schnell einig, eine gemeinsame Produktion aufzubauen – das erste ausländische Engagement der Firma. Nicht einmal zwei Jahre haben die Verhandlungen gedauert und das Joint Venture, an dem WAWI 60 Prozent hielt, konnte die Produktion starten. Inzwischen haben sich die Partner getrennt, WAWI Xiamen wurde in eine 100-prozentige Tochtergesellschaft umgewandelt und hat 2003 ein Viertel der Anteile an einen taiwanischen Partner verkauft.
Natürlich wollten die Schokoladenfabrikanten in Xiamen zuallererst den chinesischen Markt bedienen, hatten dabei allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Bärbel Lellbach erzählt von enttäuschten Kunden, die Hohlkörper aus Schokolade nicht kannten. Bei zu festem Anfassen gingen diese kaputt. Und dann war noch nicht einmal etwas darin. »Sie fühlten sich betrogen.« Auch der Versuch, etwas typisch Chinesisches – die gerade zum Frühlingsfest überall zu sehenden Mädchen- und Jungenfiguren – als Hohlkörper zu produzieren, ging schief. »Es ginge doch nicht, ›Menschen‹ zu essen, bekamen wir zu hören.« Hinzu kam das Problem, dass Chinesen eher salzige Snacks bevorzugen und es Mitte der 90er Jahre noch keine Logistik mit entsprechenden Kühlmöglichkeiten gab. »Die Produktion passte nicht zum chinesischen Markt«, lautet Bärbel Lellbachs Fazit, das jedoch keinen Rückzug bedeutete. Vielmehr wird aus Xiamen nach Australien, Nordamerika, selbst Südafrika geliefert. Rund 95 Prozent der Produktion gehen in den Export.
»Der größte Fehler ist, in China gleich mit riesigen Umsätzen zu rechnen.« Das Potenzial müsse allmählich erschlossen werden. Vor wenigen Wochen, Anfang Februar, hat WAWI nun in Xia­mens Innenstadt einen eigenen Laden eröffnet, der erste Schritt, um »den chinesischen Markt zu ›attackieren‹«. Denn inzwischen ist in China eine »süßschnablige« Generation herangewachsen und die Bereitschaft für Schokolade, ein Luxusgut, das eigentlich nicht gebraucht wird, Geld auszugeben, hat zugenommen. Der kleine WAWI-Laden ist sozusagen Marktforschungslabor, »um zu sehen, was geht«. Und er scheint von den Xia­menern angenommen zu werden. Schon in den ersten Tagen hätten einige Kunden für mehrere 100 Yuan dort eingekauft, erzählt die Verkäuferin.
Mehr oder weniger zufällig fiel auch bei der Firma Willhelm Hedrich Vakuumanlagen GmbH & Co. KG aus Ehringshausen-Katzenfurt die Standortwahl auf Xiamen, die allerdings nicht bereut wird, so Produktionsleiter Matthias Ruben in Xiamen. Seit 1997 produziert Hedrich in der Xinyang Industrial Zone, dem einzigen Standort des Unternehmens im Ausland, Vakuumsysteme für die Transformatorenproduktion und hat im vergangenen Jahr ein zweites Werk für den Stahlbau eröffnet, was eine höhere Fertigungstiefe ermöglicht, so Ruben. Rund die Hälfte der Produktion wird in China abgesetzt, beliefert werden aus Xiamen aber auch Kunden in Indien, Malaysia und im Nahen Osten. Gerade wurde eine große Anlage nach Ungarn für den Transport fertig gemacht. Bei Lieferungen von Anlagen, die Ausmaße von fünf mal acht mal vier Metern haben können, sei die Nähe des Xiamener Tiefseehafens ein wichtiger Standortvorteil.
Zur Nummer eins aufgestiegen. Eine Woche vor dem Frühlingsfest, dem chinesischen Jahreswechsel, ist es bei WAWI ruhig. In den verwaisten Produktionshallen erinnert nur noch der Duft von Kakao und Schokolade an emsiges Arbeiten. Die Osterhasen-Produktion ist eingefahren und die Arbeiter sind in die Ferien gefahren. Auch bei Hedrich ist es in diesen Tagen schon ruhiger.
Ganz anders sieht es dagegen bei Linde aus. Dort wird bis zum letzten Tag vor den »großen Ferien« gearbeitet. Jens Splittgerber sagt, dass sein Unternehmen, das 1996 die Produktion in Xiamen aufgenommen hat und mit Investitionen von 1,7 Milliarden Yuan zu den »Großen« in der Stadt gehört, durch die Krise seine Position im chinesischen Markt noch stärken konnte. Mit einem Marktanteil von sechs Prozent ist Linde inzwischen Nummer drei unter den Gabelstaplerherstellern, vor den lokalen Produzenten Heli und Hangcha. »Mit diesen messen wir uns aber nicht«, so Splittgerber. Das Maß sei die Position internationaler Hersteller im Value- und Premiumsegment. Und da ist Linde mit einem Anteil von 36 Prozent Spitze. Das Ansehen der Marke zeige sich auch darin, so der Manager, dass »wir vielmals nachgeahmt werden«. Damit müsse man leben. »Es zeigt, das wir ›up to date‹ sind.« Das Herzstück der Stapler, der hydrostatische Antrieb, wird aber nach wie vor aus Deutschland geliefert, denn er ist so etwas wie die »Coca-Cola-Rezeptur«.
Vom kleinen Handhubwagen bis zu den großen Containerstaplern für den Einsatz in Häfen wird in Xiamen die gesamte Palette produziert. 80 Prozent der Produktion wird in China verkauft. Dabei wurde der Anteil der Lokalisierung, das heißt der Komplettfertigung, kontinuierlich erhöht. Rund 80 Prozent sind es bereits. Letzten Endes hänge der Erfolg in diesem »Super-Markt«, wie es Splittgerber ausdrückt, vom Grad der Lokalisierung ab. Sie ermögliche eine Kostenersparnis von 25 bis 30 Prozent. Und die Zukunft müsse sein, Stapler lokal zu entwickeln. Im vergangenen Jahr wurde der erste in China entwickelte Stapler auf den Markt gebracht, ein Modell, das den asiatischen Bedürfnissen angepasst ist. »Beispielsweise bevorzugen chinesische Fahrer, im Stapler zu stehen, während die europäischen sitzen.«
Lindes China-Erfolg hat aber noch eine andere Grundlage. Denn in den vergangenen Jahren wurde ein flächendeckendes Service- und Händlernetz mit 73 Standorten aufgebaut. »Der Service ist unser Wettbewerbsvorteil«, sagt Splittgerber und zieht einen Vergleich zur Autoindustrie: »Nur wenn wir nahe am Kunden sind, können wir unseren Absatz sichern.« Der After-Sales-Service sei eine wichtige Komponente, die »uns die notwendige Marge im Verkauf ermöglicht«.

 

Mit den Menschen richtig umgehen. Ein weiterer Baustein ist bei Linde die Personalpolitik. Dazu gehört unter anderem, dass im Unternehmen auch ausgebildet wird – nach dem Prinzip der deutschen dualen Berufsausbildung. Während Splittgerber unterstreicht, dass Linde-Qualität aus China sich nicht von Linde-Qualität aus Deutschland unterscheide, sagt er aber auch, dass das Werk in China ein »chinesisches deutsches« sei. Das heißt nichts anderes, als dass es notwendig ist, sich den lokalen Bedingungen anzupassen, um erfolgreich zu sein, ohne dabei die Standards auf der Strecke zu lassen.
So ähnlich sieht es Joachim Kuhn, der erzählt, dass bei seinen Produzenten in China kaum Interesse an Automatisierung bestehe. »Was in Deutschland an einer Maschine hergestellt wird, wird in China in 15 Arbeitsschritten produziert.« Bei gründlicher Kontrolle ist in Europa verlangte Qualität auch so erreichbar. Bei allem müsse einem ausländischen Unternehmer in China immer bewusst sein, dass er im Land Gast ist. Entsprechend müsse er auch mit seinen Mitarbeitern umgehen. Sie nicht das Gesicht verlieren zu lassen und in die Lösung von Problemen einzubeziehen, das sei sein Erfolgsrezept.
Mit dem Headquarters nach Xiamen? Lindes Headquarters für die Asien-Pazifik-Region ist in Xiamen. Das dürfte eine Ausnahme unter den internationalen Unternehmen sein. Die lokalen Behörden haben sich aber das Ziel auf die Fahne geschrieben, zum Standort für regionale Headquarters zu werden und dabei mit Shanghai, Kanton, auch Taipei zu konkurrieren. Hong Benzhu räumt dann auch ein, dass Xiamen mit diesen Standorten nicht ganz wettbewerbsfähig ist, kann sich aber vorstellen, dass zunächst einzelne Abteilungen in die Stadt verlagert werden. Letzten Endes ist auch Lindes Headquarters eher ein virtuelles, erklärt Jens Splittgerber. Das hat sich historisch so entwickelt, weil eben der Partner, mit dem der Einstieg in den chinesischen Markt begann, aus Xiamen kam.
Dass die Stadt aber eine Zukunft als Standort für regionale Headquarters hat, glaubt er nicht, auch wenn sich die Insel, auf der Xiamen liegt, in den vergangenen Jahren zu einem »Klein-Hongkong« entwickelt hat. Die kommenden Jahre werden zeigen, wohin die Entwicklung geht. pt

 

 

Zurück


drucken

Fenster schliessen